Die 15 Gebote

Zurück zur ersten Ordnung der Steindecker aus dem Jahr 1529.
Dort ist in 15 Regeln festgelegt „wie wir es bei uns halten wollen“.
Wir sind gespannt auf die Vorstellungen der damaligen Innungsmitglieder zu Recht und Sitte innerhalb ihrer Handwerksordnung und darauf, ob sie in der heutigen Innungssatzung – die jetzig gültige stammt übrigens aus dem Jahr 1954 – bzw. den heutigen Bestimmungen noch zu erkennen sind. Lesen Sie selbst ...

Zum Ersten

Wer unser Handwerk lernen will, soll drei Jahr darum lernen bei einem Meister, dem er sich in die Lehre gibt und drei Mariengroschen dafür an das Handwerk geben wenn er die Lehre beginnt. Und der Meister soll dafür sorgen, daß das Geld hereinkommt.

Eine Ausnahme von dieser Regelung galt für die Söhne von Meistern, ein Privileg, das erst im 18. Jahrhundert abgeschafft wurde. Wer kein Lehrgeld bezahlen konnte, musste sich für bis zu fünf Jahre dem Lehrherrn verpflichten. Heute regelt die Ausbildungsordnung und der Rahmenlehrplan die Ausbildung der jungen Dachdecker-Anwärter.
Im Gegensatz zu früher müssen diese nun kein Geld mehr mitbringen, um das Handwerk zu lernen, sondern sie erhalten eine Ausbildungsvergütung.

Zum Anderen

Wenn in unserem Handwerk ein Meister dem anderen seinen Knecht abwirbt oder den Lohn überhöht, der schuldet dem Handwerk einen halben Gulden und hat des Sachwalters Willen zu tun.

Das Abwerben von Arbeitskräften wird auch heute nicht gern gesehen, wird aber nicht geahndet.

Zum Dritten

Wenn ein Meister mehr als einen Lehrknecht oder Meisterknecht annimmt, der zahlt einen halben Gulden Strafe. Auch darf ein Meister nicht mehr als einen Meisterknecht halten.

Heute ist es ein gutes Zeichen, wenn sich eine Dachdeckerei mehrere Meister bzw. Gesellen leisten kann, zeugt dies doch von einer guten und stabilen Auftragslage. Auch kann von einem so genannten „Halten“ von Personal nicht mehr die Rede sein. Die Zeiten haben sich spätestens nach der Industrialisierung und der Einführung des Betriebsverfassungsgesetzes geändert. Zur damaligen Zeit sicherte diese Regel allerdings den Broterwerb vieler einzelner, dadurch mehr oder weniger gleichberechtigter, Handwerksbetriebe.

Zum Vierten

Wenn ein Meister dem anderen wissentlich in die Arbeit ginge, der zahlt einen halben Gulden und muss des Sachwalters Willen tun.

Hier ist das Abwerben von Aufträgen gemeint. Solch eine Regelung wie in der 475 Jahre alten Ordnung gibt es nicht mehr, wobei sich über Sinn und Unsinn dessen sicherlich streiten ließe.

Auch sollen die Vormünder des Handwerks die Arbeit des Montags nach Pfingsten untersagen, auch soll man das Zeitgeld einziehen: Ein jeder einen Groschen auch die Frauen einen Groschen, und dann soll man Klage und Antwort zuhören.

Der Pfingstmontag ist bis heute arbeitsfrei geblieben.

Das Thema „Klage und Antwort“ regelt unsere heutige Satzung nach unterschiedlichen Paragraphen. Streitigkeiten zwischen Innungsmitgliedern und Auszubildenden schlichtet der Ausschuss „Lehrlingsstreitigkeiten“ (der Begriff Lehrling wurde in den 80er Jahren durch Auszubildender – jedenfalls in der schriftlichen Form – abgelöst) und zwischen Innungsmitgliedern untereinander die Innung selbst.

Zum Fünften und zum anderen Male

Des Ersten Sonntags nach der heiligen Drei Könige Tag soll ein gleiches Verbot gelten.

Dazu muss unsere Satzung nichts mehr gebieten, der Sonntag ist ein arbeitsfreier Tag für die Dachdecker.

Zum Sechsten

Wenn das Handwerk einem verboten wird und er kehrte sich nicht darum und wäre zu Hause, der zahlt zwei Mariengroschen Strafe. Wer zu spät auf den Kirchhof kommt, der gibt einen Groschen.

Heutzutage wird dies Schwarzarbeit genannt und ist verboten. Die Innung setzt sich entschieden gegen Schwarzarbeit ein, denn die Folgen treffen uns alle direkt oder indirekt.

Zum Siebten und Achten

Die Jüngsten sollen (den Sarg) tragen. Wer das verweigerte und ausbliebe, der zahlt sechs Mariengroschen. Bleibt sonst einer aus, der zahlt drei Mariengroschen, eine Frau drei Mattier.

War ein Meister gestorben, sah es der Brauch vor, dass alle Mitglieder des Handwerks sowie die Familienangehörigen dem Sarg folgten. Aber auch Gesellen und die Frauen und Kinder des Handwerks geleitete man gebührend zu Grabe. Die Teilnehmer des Trauerzuges wurden auf einer Schiefertafel vermerkt; derjenige, der bei dem Begräbnis fehlte, wurde mit einem Strafgeld belegt. Ein schöner Brauch, der in der heutigen Zeit – vor allem in einer Großstadt wie Braunschweig – nicht mehr durchführbar ist.

Zum Achten

Auch sollen zwei Schenken gekürt werden, die dem Handwerk zu Ehren ausschenken. Bleibt einer fern und nicht krankheitshalber, der zahlt einen halben Gulden Strafe.

Eingeschenkt wird heute – natürlich nur nach Feierabend – auch noch gern. Unvergessen sind die vielen geselligen Treffen und Fahrten, die die Innung für ihre Mitglieder ausrichtet.

Zum Neunten

Wenn einer in unserem Handwerk dem Anderen ungefüge Worte gibt, der zahlt einen halben Gulden Strafe.

Diese Situation berücksichtigt die Innung heute folgendermaßen: Kommen Streitigkeiten oder gar Beleidigungen zwischen Mitgliedern der Innung vor, werden diese vorgeladen und gehört. Innungsmitglieder, die Streitigkeiten gerichtlich klären wollen, ohne vorher eine gütliche Beilegung angestrebt zu haben, können wie früher „in Ordnungsstrafe genommen werden“. Die Innung hat in diesen Fällen die Aufgabe, eine Regelung herbeizuführen. Die eingetriebenen Ordnungsgelder fließen in die Kasse (früher Lade) der Handwerksinnung.

Zum Zehnten

Wenn einem Meister oder Knechte das Handwerk gelegt wird, dann soll kein Meister oder Knecht bei ihm arbeiten, so lange, bis er des Handwerks Willen tue.

Diese Regel streift die Kompetenz der Innungssatzung nur noch, denn solch schwerwiegenden Entscheidungen wie Gewerbeverbot oder gar Berufsverbot werden heute von städtischen oder staatlichen Stellen angeordnet und geprüft.

Zum Elften

Würde einer befunden, der bei dem unredlichen Meister oder Knechte arbeite, der zahlt einen halben Gulden.

Es liegt in der heutigen Zeit in der Hand eines jeden einzelnen Gesellen oder Meisters, bei wem er sich „verdingt“.

Zum Zwölften

Auch soll niemandem das Handwerk gelegt werden, es geschehe denn mit des ganzen Handwerks Wissen und Willen.

Das Legen des Handwerks war für den Meister eine im Vergleich zum Schelten viel empfindlichere Strafe, da er in seinem Handwerk mit sofortiger Wirkung nicht mehr tätig sein durfte.
„Wissen und Willen“ kann die Innung heute noch ausüben, da sie Mitglieder ausschließen kann, wenn sie entweder „gegen die Satzung gröblich oder beharrlich verstoßen oder satzungsgemäße Beschlüsse oder Anordnungen“ nicht befolgt haben.

Zum Dreizehnten

Auch soll niemand wieder redlich gemacht werden, es geschehe denn mit des ganzen Handwerks Willen.

Die Innung hat hier keine direkten Befugnisse mehr. Zwar kann sie ein Mitglied im schwersten Falle ausschließen, aber das „Redlichmachen“ geschieht heute durch den Markt, sprich Angebot und Nachfrage, außer der Inhaber hat seine Ehrenrechte verloren oder unterliegt einem Gewerbeverbot.

Zum Vierzehnten

Auch soll das Zeitgeld und das Geld, das die Frauen für die Brüderschaft geben in einer Lade zusammengebracht werden, daß man damit unserem Handwerk diene in Notzeiten.

Schauen wir in die Satzung: Hier sieht unsere Innung nur einen Kann-Paragraphen vor, wonach es der Innung freigestellt ist, „für ihre Mitglieder und deren Angehörige Unterstützungskassen für Fälle der Krankheit, des Todes, der Arbeitsunfähigkeit oder sonstiger Bedürftigkeiten [zu] errichten“. Hier ist die Verantwortung auf Krankenkassen und Versicherungsgesellschaften übergegangen.

Zum Fünfzehnten

Sind Meister und Gesellen einig geworden, damit kein Verdacht aufkomme, wollen die Gesellen einen Meisterknecht bei der Lade haben, und sind zur Zeit drei Schlösser vor der Lade gehängt zwei von den Meistern und eins von dem Meisterknechte, damit die Dinge Recht zugehen. Und ist zu allem Überfluß von Meistern und Gesellen bewilligt, dass keiner Meister werden soll, er sei denn Meisterknecht gewesen gemäss unserem alten Herkommen.

Wie sich jeder vorstellen kann, sind solche Belange heute detailliert der Bürokratie überlassen worden, die in diversen Paragraphen den Haushaltsplan, die Jahresrechnung und überhaupt die Prüfung der Kasse – zur Sicherheit aller Mitglieder – regelt.

Fazit nach 475 Jahren

Nach diesem interessanten Blick in die Vergangenheit zurück zur Eingangsfrage, was in der jetzigen Innungssatzung davon noch gültig ist.

Man muss ganz klar feststellen, dass die damalige Innung eine Institution darstellte, die für die Mitglieder von existenzieller Bedeutung war. Gehörte ein Meister zur Innung, dann war er „redlich“ und „ehrlich“, war er nicht in der Innung, konnten potenzielle Auftraggeber davon ausgehen, dass der Meister oder Geselle etwas „auf dem Kerbholz“ hatte.

Wir sehen, dass die damaligen Machtbefugnisse über die Jahrhunderte auf städtische oder staatliche Institutionen übergegangen sind. Auch auffallend ist, dass im Laufe der Jahrhunderte soziale Aufgaben weitgehend verloren gingen, die heute in den Bereich der Privatsphäre gerückt sind, damals aber zur Verantwortung der Mitglieder und deren „Knechten“ wie selbstverständlich dazugehörten.

Trotzdem bietet die heutige Innung einen Rahmen, in dem sich verantwortungsbewusste Unternehmer engagieren, in vielen Situationen Unterstützung erhalten und eine starke Gemeinschaft erleben.

„Lehrknechte vor 475 Jahren“